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Europäisches Forum Alpbach

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Neben der zentralen Veranstaltung die jährlich in Alpbach stattfindet, organisiert das Forum Alpbach eine Vielzahl von Konferenzen zu unterschiedlichsten gesellschaftlichen Themen. Zur Veranstaltung "Kultur - Harmonie und Konflikt" war ich als Rednerin eingeladen.
Stoff für’s Kabarett
Sponsoring ist ein kulturpolitisch massiv überschätztes Thema, weshalb ich mich
zunächst dem Übertitel der Veranstaltung zuwende, der „Kultur als Ausrede“.
Ausreden werden ständig gebraucht, und in Politik und Wirtschaft kann „Kultur“
sehr gut als Feigenblatt dienen. Hinter einem Feigenblatt versteckt sich, was an
und für sich jede/r kennt, doch lässt niemand dieses Bekannte gern sehen. Dass
sich die Kultur speziell als Feigenblatt eignet, liegt möglicherweise an einem
rückwärts gewandten Kunst- und Kulturverständnis der handelnden Personen, da
„Kultur“ noch immer für das Gute und Wahre (vom Schönen ist man eher
abgekommen) steht oder, anders ausgedrückt: für die Wärme, die in einer von
angeblichen wirtschaftlichen Sachzwängen dominierten Welt schmerzlich fehlt.
Das Kunst- und Kulturverständnis der Adressat/innen, des Publikums der
öffentlichkeitswirksamen Kulturbeschäftigung mit dem Namen Sponsoring teilen
fraglos dieses Kunstverständnis, sonst könnte Sponsoring ja nicht seine Wirkung
tun – was im übrigen recht mangelhaft erforscht ist.
Ich bin nicht der Meinung, dass „Kultur“ per se ethischer oder „wärmer“ sei als
„Wirtschaft“ oder „Politik“. Es kommt schon auf die jeweilige Praxis an. Ob die
gegenwärtige Praxis dieser drei Lebensbereiche von unterschiedlicher ethischer
Qualität ist, das zu beurteilen überlasse ich gern der Leserin und dem Leser.
Doch wie funktioniert Kultur als Ausrede? Wofür werden die Ablenkmanöver
gebraucht?
Lassen Sie mich Beispiele aus der Politik bringen, die mir weitaus zugänglicher ist
als die Wirtschaft – letztlich kommt es angesichts der Antriebskräfte innerhalb der
Politik auf das Selbe heraus.
Ein Zitat:
„Europa, ein wundeschöner Kontinent mit einer faszinierenden Geschichte, hat
viele der weltweit bedeutendsten Wissenschaftler, Erfinder, Künstler, Komponisten
und Sportler hervorgebracht.
Jahrhundertelang herrschten in Europa Krieg und Teilung. Doch in den letzten 50
Jahren haben die Länder dieses geschichtsträchtigen Kontinents zu Frieden,
Freundschaft und Einheit gefunden. Seitdem setzen sie sich für ein besseres
Europa und eine bessere Welt ein.“
Quelle: Lese-Ecke für Jugendliche auf dem EU-Portal
(http://ec.europa.eu/publications/young/index_de.htm)
Macht das die Politik der EU aus? Lässt die sich nicht etwas wirklichkeitsnäher
beschreiben ohne hässlich zu wirken? Warum fällt den Autor/innen z.B. nicht ein

zu schreiben, dass Lebensmittelknappheit in den EU-Ländern kein Thema mehr
ist? Dass weit mehr Menschen eine weit bessere Bildung erhalten als früher?
Wahrscheinlich, weil den Autor/innen so und so viele Politikbereiche einfallen, in
denen die EU nicht ausschließlich in positiven Begriffen zu beschreiben wäre. In
der Imagepflege muss offenbar alles glitzern, egal wie schwindelig dieser Glanz ist.
Je stärker neben den spürbaren Wohltaten die negativen Auswirkungen der Politik
in Erscheinung treten, desto intensiver wird imagebesorgte Kultur-Gerede
praktiziert.
Ich will das im Übrigen keinesfalls nur für die EU behaupten, ganz und gar nicht.
Die EU produziert nur die herrlichsten Formulierungen, weshalb sie mir hier als
Ausrede-Sünderin par Excellence dient.
Lassen Sie mich deshalb noch einen relativ aktuellen Satz zitieren, leider auch von
der EU-Kommission:
„Kultur ist die Seele der menschlichen Entwicklung und Zivilisation.“
Mit diesem Satz beginnt die „Mitteilung der EU-Kommission über eine europäische
Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung“ vom 10. Mai 2007. Ich will mich dazu
gar nicht länger auslassen sondern auf Gerald Raunig verweisen, etliche Jahre vor
mir Obmann der IG Kultur Österreich und hier zum Thema „Gegenkulturen“ zu
Wort kommt. Er hat einen äußerst griffigen Text geschrieben: „Die falsche
Sanftmut der Kultur“ zu finden auf der Homepage und in der Zeitschrift der IG
Kultur Österreich, in den Kulturrissen.
Zusammenfassend für das Thema „Ausrede“ möchte ich sagen, dass es wohl auch
für die Wirtschaft und somit für das Kultursponsoring durch Wirtschaftsbetriebe
gilt, dass die grellsten Blüten und das intensivste Glitzern dort zu Tage tritt, wo die
Not am größten ist.
Und damit zurück zum Sponsoring.
Sponsoring ist in meinen Augen ein überbewertetes Thema in der öffentlichen
Auseinandersetzung um Kultur.
Die Sponsoren, die etwas versprechen, wie der lateinische Wortursprung
„spondere“ sagt, halten ihr Versprechen nicht unbedingt. Sobald sie ihr Geld
meinen besser einsetzen zu können oder zu müssen, sind die Versprechen
vergessen und gebrochen. Das haben auch schon renommierte, zum Sponsoring
wie geschaffene Kultureinrichtungen wie die Salzburger Festspiele erfahren.

Sponsoring taugt normalerweise nicht für das Notwendigste in der Kulturarbeit:
nämlich dass die Strukturen, dass die professionelle Arbeit, die von
Kulturschaffenden und Kulturarbeiter/innen geleistet wird, angemessen dem
professionellen Level bezahlt wird. Dazu taugt eher (wenn auch eingeschränkt) die
öffentliche Hand, mit der ein langfristiges Aushandeln bislang besser möglich war
als mit privaten Sponsoren.
"So wie im Augenblick der Staat den Finanzdienstleistungssektor stützt,
so ist es notwendig, den österreichischen Bundesmuseen die wegbrechenden
Sponsorenleistungen zu kompensieren", forderte die Direktorenkonferenz
der Bundesmuseen Anfang November 2008 in einer Presseaussendung. Also gerade
dann, wenn dem Staat große Lasten aufgebürdert werden, springen nicht
Sponsoren ein, nein, die verabschieden sich gleichzeitig bzw. schon vorher. Und
das von einem ziemlich niedrigen Niveau des Sponsoring.
So kann die in Österreich wahrscheinlich erfolgreichste Sponsorenpflegerin, Agnes
Husslein von der Österreichischen Galerie Belvedere, nicht mehr als 10% ihres
Budgets über Sponsoren aufbringen. Man kann also nicht einmal von der Butter auf
dem Brot sprechen. Rolf Schwendter, der ursprünglich ebenfalls zum Podium
„Gegenkulturen“ im Rahmen dieser Veranstaltung eingeladen war, hat das
Verhältnis von Aufwand und Ertrag beim Aufspüren möglicher Sponsor/innen so
beschrieben: was wir da finden, ist bestenfalls Stoff für die Bühne, für unser
nächstes Kabarett. Die Zeit wäre mit Taxifahren besser genützt.
Es bleibt die Kulturförderung somit eine Aufgabe des Staates. Doch auch für die
Repräsentant/innen unserer Kulturnation ist Kultur einerseits Pflichtprogramm
andererseits Ausrede. Kultur kommt z.B. in Regierungsverhandlungen immer unter
„ferner liefen“. Der Hinweis des Rektors der Universität für angewandte Kunst Wien,
dass ein Landwirtschaftsministerium offenbar nie in Frage gestellt wird, obschon in
diesem Feld wesentlich weniger Menschen beschäftigt sind als in der Kultur,
illustriert eine Facette des Problems.
„It’s the economy, stupid“, sagte Bill Clinton, er gebrauchte insofern keine
Ausreden.
Die IG Kultur Österreich fordert, wie schon zuletzt, ein Ministerium für Kunst, Kultur
und Medien.
Nach diesem kleinen Schlenker zur Realpolitik komme ich zum Thema zurück. Ich
will mich keineswegs gegen das Sponsoring aussprechen, im Gegenteil.
Sponsoring hat auch für die Arbeit von lokalen und regionalen Kulturinitiativen eine
nicht zu unterschätzende Bedeutung. Wenn Sie Zahlen wünschen, so kann ich gern
mit solchen aus der Peripherie, aus Vorarlberg, aufwarten, wo ich Daten erhoben
habe:

Die Kulturinitiativen in Vorarlberg (und die Daten sind leider nicht ohne Weiteres
auf andere Bundesländer übertragbar – schon für Tirol darf man keine Analogie-
Schlüsse ziehen), die Kulturinitiativen erwirtschaften 40 % ihrer Geldeinkünfte
selbst (60% stammen aus Subventionen der öffentlichen Hand). Von den selbst
erwirtschafteten Beträgen stammen immerhin 17 % aus Sponsoring (2005). Es
handelt sich also um ca. 6,8 % des Gesamtbudgets.
Dabei machen Geldzuwendungen nur einen Teil des gesamten Sponsoring aus.
Nicht wenig wird in Sachleistungen und Materialien gesponsert. Welchen Geldwert
diese Sachleistungen hätten, kann ich nicht beziffern. Doch gerade in der
Peripherie, wo regionale Verankerung und Verantwortungsbewusstsein (SCR) eine
Rolle spielen, kann Sponsoring gut und stetig funktionieren, dagegen ist sicher
nichts einzuwenden. Das ist ein wichtiger Bestandteil einer integrierten
Gesellschaft.
Ich verliere nur sehr schnell die Geduld, wenn gejammert wird, dass Sponsorgelder
von der Steuer absetzbar sein müssten – warum eigentlich? Auch sonst kann sich
niemand aussuchen, wofür er oder sie Steuern zahlt. Spenden an
Forschungseinrichtungen (und dazu gehören ja z.B. alle Bundesmuseen und vieles
mehr) sind ohnehin im Besitz eines „Steuerbegünstigungsbescheids“. Wer den
Kauf von z.B. Werken der bildenden Kunst von der Steuer absetzbar machen will,
tut nichts anderes, als Geld von unten nach oben zu verteilen und auf Steuergelder
zu verzichten, die ja gerade von der Kultur dringend gebraucht werden.
Wirtschaftsunternehmen, die Kultursponsoring betreiben wollen, sind ebenso wie
Kultureinrichtungen, die gesponsert werden wollen, dazu aufgerufen, ihre
gemeinsamen Projekte so gut zu entwickeln, dass auch die Steuer keine gröberen
Probleme darstellt. Normalerweise sind sie dazu auch in der Lage. Es darf ruhig
geschäftsmäßig gedacht werden, Leistung und Gegenleistung.
Mäzenatentum finde ich im Vergleich weitaus schauriger, da kommt Hierarchie ins
Spiel, da sind Gestaltungswünsche der Geldgeber für die kulturellen Inhalte da.
Kulturschaffende und Künstler/innen haben oft Mühe, ihren Lebensunterhalt mit
ihrer Arbeit zu erwirtschaften. Sie könnten insofern ein Mehr an Aufträgen gut
gebrauchen, auch von Wirtschaftsbetrieben. Den Merger von ASEA und Brown-
Boveri haben freie Theaterschaffende mit betreut, damit zwei völlig
unterschiedliche Unternehmenskulturen zusammen wachsen konnten.
Kulturschaffende betreiben durch ihre ureigenste Arbeit „Standortsicherung“, und
klug geführte Unternehmen am jeweiligen Standort erkennen dies und bezahlen
dafür – es ist ein schlichtes Geschäft. Nach Verkehrsanbindung und
Bildungsmöglichkeiten ist die Frage des kulturellen Angebots die wichtigste für
eine Niederlassungsentscheidung von Wirtschaftstreibenden, hat eine

amerikanische Universität erhoben (zitiert in der EU-Studie „Economy in Culture“
vom Oktober 2006).
Kultursponsoring hingegen als Faktor der reinen Imagepflege, um z.B. dunkle
Flecken auf einer weiß zu tragenden Weste zum Verschwinden zu bringen,
funktioniert wohl nur kurzfristig und kaum in Zeiten mangelhafter Liquidität der
Banken.
Erzwungenes Sponsoring wiederum ist Betrug an der Steuerzahler/in. Das kommt
nicht nur so offen vor wie im gesetzlich geregelten Fall der Sportförderung der
Österreichischen Lotterien. Eine Stadt richtet ein Festival aus und widmet dem
einen bestimmten Betrag aus ihrem Budget. Andere Gebietskörperschaften
schließen sich an und subventionieren ebenfalls.
In der Bilanz will man gerne Sponsoreinnahmen aufscheinen lassen – doch woher
nehmen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten, wenn die Geldbeutel zugeknöpft sind.
Ganz einfach, schließlich betreiben unsere Städte und Gemeinden
Wirtschaftsunternehmen im großen Stil. In deren Gremien sitzen verdiente
Persönlichkeiten aus der Politik, die wissen, was von ihnen erwartet wird. Und so
sponsern die Stadtsparkassen, die Stadtwerke, die städtische Versicherung, die
stadteigene Werbefirma etc. Wer das positiv sehen will, spricht nicht von Betrug an
der Steuerzahlerin sondern von Gewinnen, die in die Kultur umgeschichtet werden,
in einer Höhe, die über das reguläre Budget „nicht möglich“ wäre. Doch warum die
Sache als Sponsoring verbrämen? Warum nicht die Einnahmen aus den Betrieben
ins Budget der Stadt buchen und daraus entsprechende Kultursubventionen zur
Verfügung stellen?
So, denke ich, funktioniert Sponsoring zum Teil als recht windiges Feigenblatt für
mangelnde Ethik in Wirtschaftsunternehmen und in öffentlichen
Gebietskörperschaften . Sponsoring, das auf gegenseitiger Wertschätzung oder
schlicht auf Leistungsaustausch basiert, bricht auch in Zeiten wie diesen nicht so
einfach weg. Doch leben können davon weder Bundesmuseen noch
Kulturinitiativen.

Created by juliane
Last modified 2011-10-19 12:20